Anatomie


Kapitel

Physiologische Daten

Fortbewegung

Körperbau und Skelett

Zähne

Haut und Haarkleid

Sinne

Verdauungstrakt

Harntrakt



Physiologische Daten

Meerschweinchen sind mit 8 - 12 Monaten ausgewachsen. Durchschnittlich werden sie etwa 6 - 8 Jahre alt und wiegen 800 - 1300 g (Hubrecht & Kirkwood 2010). Die Körperlänge beträgt 20 - 34 cm (Weiss 2008).

Allerdings gibt es besondere Zuchtlinien mit größeren Tieren. Diese Meerschweinchen werden im deutschsprachigen Raum "Cuys" genannt und haben eine Körperlänge von durchschnittlich 27 – 35 cm bei einem Gewicht von 2 - 3 kg. Besonders große Tiere können eine Körperlänge von 50 cm und ein Gewicht von 4 kg erreichen, sie werden in Peru als „Cobayos“ bezeichnet.


Tabelle 1: Physiologische Daten im Überblick (nach Hubrecht & Kirkwood 2010)

Geburtsgewicht 60 - 100 g
Gewicht adult 800 - 1300 g
Körpertemperatur 37,2 - 39,8 °C
Herzfrequenz 150 - 400 Schläge pro Minute
Atemfrequenz 42 - 150 Züge pro Minute
Lebenserwartung 2 - 8 Jahre


Tabelle 2: Reproduktions - Daten im Überblick

Geschlechtsreife 28 - 35 Lebenstag, abgeschlossen mit etwa 8 Wochen
Geschlechtszyklus 14 - 18 Tage
Zuchtreife 3 Monate
Wurfgröße 1 - 6 Jungtiere


Fortbewegung

Das Meerschweinchen verfügt über eine vierzehige Vorder- und eine dreizehige Hinterextremität (Thenius 1950). Thenius (1950) bezeichnet das Meerschweinchen als eine Art Übergangsform vom Zehen- zum Sohlengänger. Zu erkennen ist dies an der Gangart und den Gliedmassen. Fortbewegen können sie sich in geduckter als auch in erhobener Stellung sehr schnell.

Wilde Meerschweinchen der Art Cavia aperea können bei Überflutung mehrere Kilometer weit schwimmen (Hesselmann 2010).

Nach Fehr (2007) können Meerschweinchen bis zu 90 cm weit springen.

Meerschweinchen werden bis zu 21 km/h schnell.



Körperbau und Skelett

Das Meerschweinchen verfügt nach Thenius (1950) über einen kurzer, gedrungener, stark zur Brustwirbelsäule abgebogenen Halsabschnitt und verlängerte Lendenregion.

Der Körperbau der Meerschweinchen ist gedrungen und walzenförmig, eine Anpassung an ihren ursprünglichen Lebensraum. Die Hautoberfläche, über die Wärme abgegeben wird, ist im Verhältnis zum Körperinneren durch diese Körperform relativ klein. So sind sie gut bei Kälte geschützt. Sohlen und Ohren sind nackt, außerdem befinden sich hinter den Ohren fast kahle Stellen. So können die Tiere an heißen Tagen dennoch ausreichend Körperwärme abgeben.

Die Anzahl der Knochen ist abhängig vom Alter des Tieres. Einige Knochen verschmelzen wenn das Tier erwachsen wird (Wagner & Manning 1976). Die Anzahl der Knochen variiert zwischen 256 und 261. Der Schädel besteht allein schon aus 47, teilweise sehr kleinen Knochen

  • Anzahl der Wirbel:
    • 7 Halswirbel
    • 13 - 14 Brustwirbel
    • 6 Lendenwirbel
    • 3 (Weibchen) - 4 (Männchen) Kreuzbeinwirbel
    • 7 Schwanzwirbel
  • 12 Rippen: paarig, nur die ersten 8 durch Brustbein verbunden, daher ausgeprägte Brustatmung möglich
  • Schlüsselbein: fast völlig zurückgebildet
  • Zwei zusätzliche Sesambeine im Kniegelenk: Fabella und Lunula
  • 4 Zehen vorne, 3 Zehen hinten
  • Penisknochen bei männlichen Tieren


Abbildung 1: Meerschweinchenskelett.



Zähne

Urheber: Giulia van Pelt; Creative Commons-Lizenz; Orginaldatei (Mai 2013)
Meerschweinchen haben ein Gebiss aus 20 Zähnen (Brettschneider 2001), davon vier Schneidezähne und 16 Backenzähne. Die Zähne wachsen eine Leben lang, wobei die Schneidezähne im Oberkiefer 1,4 - 1,7 mm pro Woche wachsen, im Unterkiefer 1,2 - 1,9 mm pro Woche (Kamphues et al. 2004). Der Zahnschmelz der Schneidezähne ist nicht pigmentiert (Brettschneider 2001). Die Backenzähne sind stark gebogen um die Anisognathie (anisos = ungleich) von Ober- und Unterkiefer auszugleichen. Daraus folgt eine Okklusion von ca. 30° zur horizontalen (Brettschneider 2001).
Meerschweinchen wechseln ihr Gebiss bereits fetal (Brettschneider 2001). Die Milchzähne werden zwischen dem 43ten und 49ten Trächtigkeitstag ausgebildet und bis zum 55ten Tag wieder resorbiert. Bei der Geburt sind so bereits die bleibenden Zähne vorhanden, nur der M3 durchbricht das Zahnfleisch erst noch (Hamel 2002).

Das Kiefergelenk ist ein Schlittengelenk mit einer rinnenartigen Gelenkgrube. Abbeißen und Abnagen erfolgt durch seitliche Unterkieferrotationen. Gekaut wird durch vor- und rückwärtige Unterkieferverschiebungen (Hamel 2002).



Haut und Haarkleid

Meerschweinchen sind fast vollständig mit einem Haarkleid bedeckt. Lediglich an den Ohren, die Innenseiten der Oberschenkel und die Vorderbeine sind nur spärlich bedeckt. Ganz haarlos sind nur die Fußsohlen, Ballen und Zehen sowie um die beiden Zitzen und hinter dem Ohrenansatz.


Abbildung 2: Verschiedene Fellstrukturen


Das Deckhaar des Meerschweinchens ist grob mit einer dünnen Unterwolle (Wagner & Manning 1976).

Jungtiere sind bereits am 32. Trächtigkeitstag schon fast vollständig behaart. Neugeborene sind noch 4 - 6 Wochen in der Haarwachstumsphase bis sich die zukünftige Haarlänge zeigt.



Sinne

Visuelle Wahrnehmung

Das Sehvermögen ist durch zwei verschiedene Typen von Zapfen in der Retina gekennzeichnet. Besonders sensibel sind diese in Bereichen von 429 bis 529 nm, was ein Farbsehen vermuten lässt. Verhaltensstudien bestätigen ein zweifarbiges Sehvermögen (Hesselmann 2010).

Der Gesichtskreis ist relativ gross, beide Augen haben zusammen einen Blickwinkel von 340°. Zur Verfügung steht ein maximales binokulares Sehen von 76° (Hamel 2002).

Die Augen sind bei der Geburt geöffnet, allerdings gibt es Vermutungen dass die visuelle Wahrnehmung noch nicht stark ausgeprägt ist (Wagner & Manning 1976).


Olfaktorische Wahrnehmung

Meerschweinchen können noch 1000mal geringere Duftkonzentrationen als Menschen wahrnehmen. Geruch spielt eine wichtige Rolle bei der Kommunikation und der Identifikation der Jungtiere durch die Mutter (Hamel 2002).


Akustische Wahrnehmung

Besonders sensibel sind Meerschweinchen für Töne im Bereich von 500 bis 8000 Hertz. Wahrnehmen können sie einem weit höheren Frequenzbereich zwischen 125 bis 32000 Hertz (Hesselmann 2010). Der wahrnehmbare Frequenzbereich des Menschen liegt zwischen 20 Hz und 20 kHz. Die Schnecke des Innenohres weist 4 Windungen auf im Gegensatz zum Menschen mit nur 2,5 Windungen (Niedermeier 2011)


Taktile Wahrnehmung

Rund um Maul und Nase sind gut entwickelte Tasthaare angeordnet. Diese dienen dem Tier dazu sich auch bei schlechteren Lichtverhältnissen zu orientieren, Hindernisse zu umgehen und Versteckmöglichkeiten aufzufinden (Hamel 2002).


Gustatorische Wahrnehmung

Meerschweinchen haben einen ausgeprägten Geschmackssinn und können so die Aufnahme ungeeigneter Futtermittel vermeiden (Hamel 2002).


Verdauungstrakt

Meerschweinchen sind Pflanzenfresser. Ihr Verdauungssystem ist auf die Aufnahme größerer Mengen pflanzlicher Nahrung ausgerichtet (Rosengarten 2004).

Der Verdauungstrakt des Meerschweinchens besteht aus:

Maul und Speiseröhre: Hier beginnt der Verdauungsprozess. Durch den Kauvorgang wird wird die Nahrung eingespeichelt, zerkleinert und durchmischt. Durch die Speiseröhre gelangt die Nahrung anschließend in den Magen.

Magen: Im Magen wird die Nahrung gesammelt und durch Fermente und Salzsäure im Magensaft weiter verdaut. Der Magen ist einhöhlig und hat ein Fassungsvermögen von 20 - 30 ml (Rosengarten 2004). Nach einer Verweilzeit von 0,5 - 3 Stunden wird die Nahrung Portionsweise in den Darm weitergeleitet (Hamel 2002).

Der Darm ist etwa 2 m lang (Rosengarten 2004).

  • Dünndarm: Bestehend aus Zwölffingerdarm (Duodenum), Leerdarm (Jejunum) und Krummdarm (Ileum). An den Zwölffingerdarm sind Leber und Bauchspeicheldrüse angeschlossen. Der Dünndarm ist durch einen ampullenförmigen Anfangsteil (Ampulla duodeni) gekennzeichnet (Rosengarten 2004).
  • Dickdarm: Der Dickdarm besteht aus Ileozäkalklappe, Blinddarm (Caecum) mit Wurmfortsatz (Appendix vermiformis); Enddarm mit Grimmdarm (Colon) und Mastdarm (Rectum).

Der Blinddarm füllt etwa ein Drittel der Bauchhöhle aus, ist hufeisenförmig gebogen und besitzt zahlreiche Taschen. Hier finden Fermetationsvorgänge statt. Dabei sind Meerschweinchen primär nicht dafür ausgelegt, Cellulose mit höchster Effizienz zu verdauen, sondern aus einer großen Menge faserreicher Nahrung die leichter verdaulichen Stoffe zu extrahieren (Rosengarten 2004).

Der proximale (zum Körper hin gelegen) Colon verfügt über eine longitudinale Furche zwischen zwei Mukosafalten. Dort werden Schleim, Bakterien und Nahrungspartikel gesammelt und gelangen durch antiperistaltische Wellen zurück in den Blinddarm (Rosengarten 2004).

Meerschweinchen produzieren keinen speziellen Blinddarmkot. Dafür bilden sie einen proteinarmen Kot, der nicht wieder aufgenommen wird, sowie einen proteinreichen Kot, der in seiner Zusammensetzung dem Furchenmaterial entspricht und ebenso wie beim Kaninchen direkt vom Anus aufgenommen wird (Rosengarten 2004).


Abbildung 3: Schematische Darstellung des Verdauungssystem des Meerschweinchens in der Übersicht



Harntrakt

Meerschweinchen weisen eine Besonderheit im Kalziumstoffwechsel auf. Die Resorption im Darm erfolgt nicht reguliert, so dass mit steigender Calziumkonzentration auch die absorbierte Menge steigt. Überschüssiges Kalzium wird über die Niere ausgeschieden. Der Urin von Meerschweinchen ist normalerweise etwas zähflüssig und hat ein schlieriges, weißliches bis gelbes Aussehen. Futterpigmente können den Urin verfärben. Der pH-Wert liegt im alkalischen Bereich (Niebergall 2003).




Literatur

Brettschneider J. (2001): Computertomographie bei Heimtieren, Diss., Hannover

Thenius, E. (1950): Das Meerschweinchen — biologisch betrachtet. Wien (Österr. Zool. Zs. 2, H. 4)

Fehr M. (2007): Workshop VI - Belange des Tieres I auf dem Kongress Mensch - Tier

Hamel I. (2002): Das Meerschweinchen als Patient

Hesselmann F. (2010): Vergleich der mikroskopischen Anatomie der Haut und Hautanhangsorgane des Hausmeerschweinchens (Cavia aperea f. porcellus) und des Ansells Kleingraumulls (Fukomys anselli) unter Berücksichtigung ihrer Anpassung an unterschiedliche Lebensräume

Hubrecht R., Kirkwood J.: The Ufaw Handbook on the Care and Management of Laboratory and Other Research Animals,John Wiley & Sons; Auflage: 8. Auflage (19. März 2010)

Kamphues, J.; Coenen, M.; Kienzle, E. (2004): Supplemente zu Vorlesungen und Übungen in der Tierernährung. Alfeld-Hannover: M. & H. Schaper. 10. Aufl. ISBN 3-7944-0205-7

Niebergall, A. (2003): Sonographische Befunderhebung am männlichen und weiblichen Harntrakt und am weiblichen Geschlechtsapparat von Zwergkaninchen und Meerschweinchen, Diss. Tierärztliche Hochschule Hannover 2003

Niedermeier K. (2011): Etablierung eines Meningitis - Modells für das Meerschweinchen und Untersuchung Dexamethason - freisetzender Cochlea -Implantate

Rosengarten, A. (2004): Untersuchungen zur kurzfristigen Ernährung von Kaninchen und Meerschweinchen über eine orogastrale Sonde bei Variation der Zusammensetzung (Komponenten, Nährstoffgehalt und Energiedichte) des applizierten Futters; Tierärztl. Hochsch. Hannover; Diss.

Wagner J.E., Manning P.J. (1976): The Biology of the Guinea Pig, 21-30. New York: Academic Press, Inc.

Weiß J., Becker K., Bernsmann E., Dietrich H., Nebendahl K. (2008): Tierpflege in Forschung und Klinik,Enke; Auflage: 3., überarb. u. erw. Aufl.