Haltung


Kapitel

Umweltfaktoren

Platzbedarf

Ansprüche an den Strukturierung

Gruppenhaltung


Umweltfaktoren

Die Umwelt spielt eine entscheidende Rolle bei der Tierhaltung. Reize wie Licht, Temperatur oder auch Geräusche beeinflussen das Wohlbefinden eines Tieres.


Licht

Sonnenlicht ist ein wichtiger Faktor für viele Wirbeltiere. Die meisten Wirbeltiere decken einen Großteil ihres Vitamin-D-Bedarfs durch Sonnenbestrahlung ihrer Haut. Die Vorstufe dieses Vitamins wird im Körper gebildet und durch UV- Strahlung im Bereich 290 – 315 nm (UV-B-Strahlung) in Vitamin D3 umgewandelt. Der Prozeß der Umwandlung erfolgt bei Einstrahlung eines geeigneten Lichtspektrums sehr schnell. Beim Menschen reichen 15 - 20 Minuten (Jakob 1999). Fensterscheiben fangen einen Teil der Strahlung ab, besonders die UV-B-Strahlung ist um bis zu 99 % reduziert (Mörikofer 1949).

Temperatur und Luftfeuchte

Meerschweinchen haben einen kompakten Körperbau, wodurch sie Wärme gut speichern aber schlecht abbauen können. Daher kommt das Meerschweinchen besser mit Kälte als mit Hitze zurecht. Die benötige Temperatur ist abhängig von der Anzahl der Tiere und der Haltung (Wagner & Manning 1976).

Die Angaben zur Optimaltemperatur zur Erhaltung und Zucht variieren nach Wagner & Manning (1976) stark. Für Labortiere wird eine Optimaltemperatur von ca. 18 °C bis 23 °C vermutet. Über 32 °C kommt es vermehrt zu Todesfällen und schlechter Reproduktion. Eine Lufttemperatur von 50 % wird empfohlen.

Dr. Birmelin untersuchte zwei verschiedene Gruppen von Meerschweinchen, denen er freien Zugang zu Räumen verschiedener Temperaturen ermöglichte. Die Tiere zeigten deutliche Präferenzen für Räume mit Temperaturen von 10 - 12 °C (Heissnhof 2009).

Um ihre Körpertemperatur aufrecht zu erhalten verfügen die Tiere über Mechanismen der Thermoregulation. Eine besondere Rolle spielt hierbei das braune Fettgewebe. Diese spezielle Form des Fettgewebes kann durch Oxidation von Fettsäuren Wärme zu produzieren (Thermogenese). Bei Meerschweinchen ist das braune Fettgewebe zum Zeitpunkt der Geburt bereits ausgebildet (Brück & Wünnenberg 1966). Innerhalb von 3 Wochen wandelt sich das Gewebe um, es lässt sich morphologisch und von seiner Enzymaktivität nicht mehr von weißem Fettgewebe unterscheiden. Auch die mitochondirale Aktivität nimmt ab. Bei Aufzucht der Tiere bei Kälte kann diese Umwandlung aufgehalten werden. Bei Kältebelastung von erwachsenen Meerschweinchen kommt es zu einer Rückumwandlung des braunen Fettgewebes (Hohorst et al. 1965). Meerschweinchen sind daher in der Lage sich kälteren Temperaturen anzupassen, auch wenn sie in warmen Räumen aufgewachsen sind.

Zeisberger et al. (1967) untersuchten die Adaptationsfähigkeit durch braunes Fettgewebe von Meerschweinchen an Kälte. Hierfür wurden Meerschweinchen verschiedener Altersgruppen untersucht.

Die Untersuchungsergebnisse:

  • bei Neugeborenen machte die Energie durch braunes Fettgewebe das 2,5fache des Grundumsatzes aus
  • wuchsen die Tiere in warmer Umgebung auf, sank der Umsatz innerhalb von 2 Monaten auf 15 - 20 %. Wurden die Tiere bei Temperaturen von 3 °C aufgezogen nahm der Umsatz weniger stark ab
  • Meerschweinchen die bei 20 °C aufgezogen wurden und anschließend bei 3 °C gehalten wurden hatten nach 8 Tagen wieder 80 % des Umsatzes kalt gehaltener Meerschweinchen erreicht. Nach 3 Wochen hatten die Tiere sich vollständig adaptatiert
  • bei - 10 °C allerdings trat bei jungen Meerschweinchen (bei 30 °C aufgezogen, anschließen 2 - 3 Wochen bei 3°C gehalten) Kältezittern und eine Abnahme der Funktion des braunen Fettgewebes auf. Durch Aufplustern und Einkugeln in der Lage, ihre Colontemperatur auf 39 °C zu halten. Allerdings starben zwei von acht Meerschweinchen, drei hatten Nekrosen an den Ohren
  • bei - 5 °C (Nachts; Tags 3 °C) nahm der Umsatz durch das braune Fettgewebe noch leicht zu.
  • insgesamt zeigen kälteadaptierte erwachsene Meerschweinchen einen Anstieg von 60 - 80 % des Grundumsatzes, was eine nicht unerhebliche Steigerung der Kälteresistenz darstellt

Schlussfolgern lässt sich aus den Untersuchungen dass Meerschweinchen durchaus in der Lage sind sich kälteren Temperaturen anzupassen. Allerdings lassen die Beobachtungen bei Temperaturen von -10 °C vermuten, dass Meerschweinchen bei derartigen Temperaturen geeignete Schutzhütten benötigen und ohne Schutz Temperaturen von - 10 °C nicht unbeschadet überstehen.

Nach Fehr (2007) sind Außentemperaturen von bis zu - 15 °C in geeigneter Außenhaltung für Meerschweinchen unproblematisch.



Platzbedarf

Empfehlungen aus der Literatur

Zur nötigen Größe des Geheges gibt es unterschiedliche Angaben. Allerdings ist es fraglich ob sich diese Maße tatsächlich an den Bedürfnissen von Meerschweinchen orientieren. Die hier genannten Maße sind daher keine Empfehlung, sondern ausschließlich eine Darstellung.

Die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz empfiehlt eine Mindestfläche von 120 cm x 60 cm x 50 cm (B x T x H) und täglich Freilauf.

Der Ausschuss für Tiergerechte Labortierhaltung (2008) empfiehlt eine Mindestfläche von 0,4 m². Vorgeschrieben sind bei Tieren bis 450 g Körpergewicht 0,18 m², ab 450 g 0,25 m². Für ein paar mit Jungen 0,25 m² und für jedes weitere Weibchen 0,1 m² zusätzlich. Mindestkäfighöhe sind 23 cm.


Verschiedene auf Meerschweinchen spezialisierte Vereine erwarten folgende Mindestmaße:

  • Meerschweinchenhilfe e.V. (Stand 07.05.2013): Für zwei Meerschweinchen sollte der Käfig mindestens 120 x 60 cm groß sein
  • Schweinchenhilfe e.V. (Stand 07.05.2013): In einer Gemischten- oder Weibchengruppe muss jedem Tier ca. 0,5 m² zur Verfügung stehen, bei Böckchengruppen gelten 1 m² pro Tier; Rennstrecke von 140 cm
  • SOS Meerschweichen e.V. (Stand 07.05.2013): Gehegegrundfläche für zwei Tiere mindestens 1 m². Für jedes weitere Tier zusätzlich 0,4 m². Grundflächen erst ab 120 x 60 cm gezählt


Auf verschiedenen Info-Seiten über Ratten im Internet finden sich folgende Maße:

  • Diebrain.de (Stand 07.05.2013): Jedes Gehege sollte eine Mindestgrundfläche von 2 m² aufweisen. Pro Meerschweinchen müssen mindestens 0,5 m² Grundfläche vorhanden sein.
  • Meerschweinchen-ratgeber.de (Stand 07.05.2013): Eine Faustregel für die Größe des Käfigs oder Eigenbaus ist pro Meerschweinchen mindestens 0,5 m² Platz, besser 1 m²
Abbildung 1: Schematische Darstellung von Meerschweinchen auf den empfohlenen Mindestmaßen der Grundfläche 100 x 100 cm (links) und 120 x 60 cm (rechts) ausgehend von einer Körperlänge von 33 cm.


Ansprüche an die Fläche

Meerschweinchen stellen verschiedene Ansprüche an ihren Lebensraum. Ein Käfig muss ausreichend groß sein um diese Bedürfnisse zu erfüllen. Die Käfiggröße darf sich nicht danach richten, was es im Zoohandel zu kaufen gibt oder was bei jedem noch ins Wohnzimmer passt, sondern sich an den Bedürfnissen der Tiere orientieren.

(Zum Vergrößern auf das Bild klicken)


Was beachtet werden muss:

  • die Körperlänge beträgt durchschnittlich ca. 20 - 34 cm (Weiss 2008)
  • Meerschweinchen benötigen ausreichend Fläche, um sämtliche natürlichen Bewegungsabläufe ohne Einschränkung ausführen zu können
  • bei Konflikten müssen die Tiere ausreichend Möglichkeiten haben einander auszuweichen
  • Meerschweinchen müssen ausreichend Fläche haben, um auch auf Distanz miteinander kommunizieren und damit Konflikte reduzieren zu können
  • Individualdistanzen müssen eingehalten werden können
  • eine ausreichende Strukturierung der Fläche muss möglich sein ohne die Tiere in ihrer Bewegung einzuschränken
Video: Meerschweinchen im Freilauf. Dieses Tier zeigt was nötig ist um Bewegungsabläufe und natürliches Verhalten ausleben zu können.


Abbildung 2: Individualdistanz. Jedes Meerschweinchen hat eine Individualdistanz. Das ist die Entfernung, die ohne Ausweich- oder Angriffsreaktion geduldet wird. Können Meerschweinchen nicht aneinander vorbei, ohne die Individualdistanz des Anderen zu unterschreiten, kann dies Konflikte fördern und zu Stress führen.



Ansprüche an den Strukturierung

  • um alle Bewegungsabläufe ausführen zu können, brauchen die Tiere ausreichend freie Fläche und Rennstrecken
  • wilde Meerschweinchen nutzen (Artikel: Wildlife - Lebensweise und Verhalten) als Ruheplätzen gegebene Geländestrukturen oder von anderen Tieren angelegte Bauten und Höhlen. Offene Fläche wird eher gemieden. Hausmeerschweinchen sollten daher ausreichend geeignete Unterschlüpfe zur Verfügung gestellt werden
  • nach Fehr (2007) braucht jedes Meerschweinchen seinen eigenen Unterschlupf um dort Schutz und Ruhe zu finden

Gruppenhaltung

Meerschweinchen sind Gruppetiere (Artikel: Verhalten - Gemeinschaftsleben und Sozialverhalten). Bei Gruppenhaltung werden komplizierte Beziehungen aufgebaut (Weiss 2008). Wilde Meerschweinchen leben in Gruppen von bis zu 20 Meerschweinchen, die sich aus einem Bock, Weibchen und deren Jungtieren zusammensetzten (Artikel: Wildlife - Lebensweise und Verhalten).

Urheber: Thorsten Becker; Creative Commons-Lizenz; Orginaldatei (Mai 2013) Urheber: Mad_m4tty; Creative Commons-Lizenz; Orginaldatei (Mai 2013)

Je eindeutiger ein Männchen in einer Meerschweinchengruppe die Alpha-Stellung einnimmt, umso stabiler ist die Sozialstruktur und desto weniger Angriffe und Auseinandersetzungen treten innerhalb dieser Gruppe auf (Weiss 2008).

Fehlt ein Männchen, bilden Weibchen ebenfalls eine stabile, lineare Hierachie aus. Einige Weibchen zeigen Bock-typische Verhaltensweisen (Thyen & Hendrichs 2010).


Böcke, die allein oder nur mit Weibchen aufwachsen lernen Sozialverhalten nur unzureichend (Artikel: Verhalten - Gemeinschaftsleben und Sozialverhalten). Jungtiere sollten daher immer in Gruppen mit erwachsenen Weibchen und einem Kastrat aufwachsen.


Der Ausschuss für Tiergerechte Labortierhaltung (2008) empfiehlt in reinen Bockgruppen mehr als zwei Männchen nur bis zu einem maximalen Alter von 4 Monaten. In reinen Weibchengruppen können Meerschweinchen unabhängig vom Alter sowohl zu zweit als auch zu mehreren ohne Probleme gehalten werden.


Nach Fehr (2007) gibt es folgende Kombinationen:

  • Paarhaltung (1 m/1 w): Feste soziale Bindung, führt aber zu sozialen Defiziten. Die Meerschweinchen lernen nicht sich mit gleichgeschlechtlichen Artgenossen zu arrangieren
  • reine Weibchengruppen: Lineare Rangordnung, selten Beißereien
  • reine Männergruppen: 2 Böcke problemlos, bei mehr Tieren häufiger Beißereien, da Männchen weibchentypisches Verhalten zeigen können
  • Kleingruppen: 2 - 5 Männchen; 1 - 5 Weibchen. Böcke bilden lineare Dominanzhierachie, einmal etabliert oft lange stabil
  • Großgruppe: Über 12 erwachsene Meerschweinchen. Komplexes soziales Gefüge, Untergruppen mit langfristiger sozialer Beziehung. Männchen lernen sich miteinander zu arrangieren


Tabelle 1: Beispiele für Empfehlungen der Gruppenzusammensetzung

Gruppenzusammensetzung Quelle und weitere Infos
Gruppengröße Geschlecht Alter Sonstige Anmerkung
4 und mehr ein Kastrat, mehrere Weibchen Verschiedene Altersstufen, keine Jungtiere ohne erwachsene Artgenossen; Bock und sein Hauptweibchen sollten etwa gleich alt sein Bei größeren Gruppen ab etwa fünf Weibchen bilden sich häufig weitere Untergruppen Diebrain.de - Meerschweinchen in der Gruppe
2 und mehr Weibchen Verschiedene Altersstufen, keine Jungtiere ohne erwachsene Artgenossen Zweiergruppe bieten wenig Abwechslung und die Tiere werden meistens träge; bei reinen Weibergruppen übernimmt ein Weibchen oft die Aufgabe des Bocks Diebrain.de - Meerschweinchen in der Gruppe
8 und mehr Mehrere Weibchen; mehrere Kastraten- 3 x soviel Weibchen wie Kastraten Verschiedene Altersstufen Viel Erfahrung, großes Gehege und gute Strukturierung nötig Diebrain.de - Meerschweinchen in der Gruppe
2, 4 oder mehr Böcke - Böcke müssen gut sozialisiert sein, nicht für Anfänger geeignet Diebrain.de - Bockgruppenhaltung beim Meerschweinchen
2 und mehr ein Kastrat, mehrere Weibchen ab 1 Jahr verschiedene Altersstufen, keine Jungtiere ohne erwachsene Artgenossen - Meerschweinchenhilfe.de -Die Wahl des richtigen Partnertieres
2 und mehr Weibchen ab 1 Jahr verschiedene Altersstufen, keine Jungtiere ohne erwachsene Artgenossen Haltung mit Kastraten empfehlenswerter Meerschweinchenhilfe.de -Die Wahl des richtigen Partnertieres
2 Böcke Altbock und Jungtiere oder zwei erwachsene Böcke, keine Jungtiere ohne erwachsene Artgenossen Kein Kontakt zu Weibchen Meerschweinchenhilfe.de -Böckchenhaltung




Literatur

Ausschuss für Tiergerechte Labortierhaltung - Gesellschaft für Versuchstierkunde und Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz - Merkblatt Hausmeerschweinchen, 18.07.08

Brück K., Wünnenberg W. (1966): Beziehung zwischen Thermogenese im ,,braunen" Fettgewebe, Temperatur im cerviealen Anteil des Vertebralkanalsund Kältezittern

Jakob F. (1999): 1,25(OH)2-Vitamin D3 - Das Vitamin D-Hormon; der Internist, 1999 • 40:414–430, Springer-Verlag 1999

Fehr M. (2007): Workshop VI - Belange des Tieres I auf dem Kongress Mensch - Tier

Heissnhof (2009): forum.meerschweinforum.de; Link zum Beitrag; Stand Mai 2013

Hohorst H., Hirschhäuser J. C., Dettinger E., Sonne-born M. (1965): Enzyme des braunen Fettgewebes: Postnatale Involtion und Kälteadaptation

Mörikofer W. (1949) - Zur Methodik medizinisch — meteorologischer Untersuchungen, Experientia, 15. II. 1949, Volume 5, Issue 2, pp 86-88

Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e.V. - Merkblatt Meerschweinchen (Stand 07.05.2013)

Thyen Y., Hendrichs H. (2010): Differences in Behavior and Social Organization of Female Guinea Pigs as a Function of the Presence of a Male, Ethology, Volume 85, Issue 1, pages 25–34

Wagner J.E., Manning P.J. (1976): The Biology of the Guinea Pig, 21-30. New York: Academic Press, Inc

Weiß J., Becker K., Bernsmann E., Dietrich H., Nebendahl K. (2008): Tierpflege in Forschung und Klinik,Enke; Auflage: 3., überarb. u. erw. Aufl.

Zeisbeger E., Brock K. Wünnenberg W., Wietach C. (1967): Das Ausmaß der zitterfreien Thermogenese des Meerschweinchens in Abhängigkeit vom Lebensalter