Wildlife


Kapitel

Die Wanderratte

Verbreitung

Habitat und Baue

Lebensweise und Verhalten

Ernährung



Die Wanderratte

Die Wanderratte (Rattus norvegicus) ist ein Nagetier. Es handelt sich um große, kräftig gebaute Ratten mit eckigem Schädel, stumpfer Schnauze und einem dicken Schwanz, dessen Länge im Normalfall geringer ist als die Kopf - Rumpf - Länge. Die Ohren sind rund und recht klein. Sie erreichen nach vorn umgelegt maximal den hinteren Augenrand (Becker 1769).

  • Kopf - Rumpf - Länge beträgt 19 – 29 cm
  • Schwanzlänge 13–23 cm mit 163 – 205 Schuppenringen
  • Länge des Hinterfußes 38 – 45 mm
  • Länge der Ohren: 17 - 23 mm


Urheber:Reg Mckenna; Creative Commons-Lizenz; Orginaldatei (Stand Mai 2013) Urheber: Brian Robert; Creative Commons-Lizenz; Orginaldatei (Stand Mai 2013)



Verbreitung

Der Ursprung der Wanderratte liegt im gemäßigten, nördlichen Ostasien im Südosten Sibiriens, den Nordosten Chinas sowie die japanischen Inseln Honshū, Shikoku und Kyushu (Wilson und Reeder 2005).

Möglicherweise war die Wanderratte schon vor 1553 in Europa zu finden, vermutet wird dies aufgrund einer Beschreibung und Zeichnung des schweizerischen Naturforschers Conrad Gesner in seinem Buch "Historiae animalium" aus der Zeit 1551 – 1558 (Freye und Thenius 1968). Sichere Angaben gibt es aus Dokumenten aus dem 18. Jahrhundert. Aus Ireland 1722, England 1730, Frankreich 1735, Deutschland 1750 und Spanien 1800. Die Tiere breiteten sich hauptsächlich über den Schiffweg aus und besiedeln heute alle Kontinenten außer Antarktika und auf fast alle größeren Inseln oder Inselgruppen.

In Europa sind Wanderratten in allen Ländern zu finden. In Mittel- und Nordeuropa kommen sie fast flächendeckend vor, nur in von Menschen dünn besiedelten Gebieten wie zum Beispiel Teilen Skandinaviens und Finnlands sind die Vorkommen sporadisch und lokal eng begrenzt. Im Mittelmeerraum weist die Population insbesondere auf der Iberischen Halbinsel und auf dem Balkan große Lücken auf (Mitchell-Jones et al. 1999).


Urheber: Jrockley; Creative Commons-Lizenz; Orginaldatei (Stand Mai 2013)
Abbildung 1: Verbreitung der Wanderratte. Sie besiedeln heute alle Kontinenten außer Antarktika und auf fast allen größeren Inseln oder Inselgruppen.



Habitat und Baue

Wanderratten sind überall dort zu finden wo der Mensch heimisch wurde. Auch wenn sie auch ohne den Menschen vorkommen, leben sie häufig in und um menschliche Behausungen. Dabei bevorzugen Ratten Habitate in der Nähe zu Wasser wie Teichen, Flüssen oder der Kanalisation, vor allem dort wo Vögle gefüttert werden (Traweger et al. 2005). Nach Telle (1966) bevorzugen sie Feuchtgebiete im Freiland vor menschlichen Behausungen.


Untersuchungen von David et al. (1948) haben ergeben dass Kolonien von Wanderratten selten einen größere Aktionsradien als 30 m im Durchmesser haben. Auch Spuren im Schnee einzelner Individuen gingen selten über diesen Radius hinaus. Vermutet wird ein starker Einfluss von Unterschlupf und Futterangebot auf den Aktionsradius der Tiere (David et al. 1948). In Städten sind ihre Reviere oft kleiner (Traweger et al. 2005).

In ihrem Revier benutzen die Ratten gerne die gleichen Wege und legen dadurch Pfade an (Calhoun 1963)

Um das natürliche Verhalten der Wanderratte zu untersuchen hielt Calhoun (1963) Wanderratten unter semi-natürlichen Bedingungen und studierte ihr Verhalten. Er beobachtete, dass Wanderratten Bau anlegen. Diese können sehr simple sein, andere aber auch sehr komplex. Diese Baue werden ständig erweitert und verändert. Sie sind abhängig vom funktionierenden Sozialsystem der Ratten. Zerbricht dieses, beginnen auch die Tunnel zu zerfallen.

Die Tunnelsystem können in verschiedene Abschnitte unterteilt werden:

  • jedes Tunnelsystem hat ein oder mehr Eingänge. Diese liegen meistens in einem abgeschrägten oder geschütztem Bereich.
  • neben den Haupteingängen gibt es Notausgänge, die gut versteckt sind und den Tieren im Notfall eine Flucht ermöglichen. Sie können mit Gräsern und Erde abgedichtet sein (Pisano and Storer 1948)
  • Tunnel sind durchschnittlich 8,3 cm breit und 29,8 cm lang. Die Breite erlaubt es jeweils nur einer Ratte den Tunnel zu nutzen. Diese Tunnel enden in Kammern, Sackgassen, biegen oder verzweigen sich.
  • Kammern sind unterschiedlich groß. Der Durchschnitt ist 18.5 x 22.1 cm, worin sich bis zu 7 Ratten aufhalten können. Die kleinsten Kammern können 3, die größten 11 Ratten aufnehmen. Es gibt Nestkammern, die als Schlafplätze sowie der Jungenaufzucht dienen und Futterkammern, die der Lagerung von Nahrung dienen.
  • die Nestkammern können verschiedenen gestaltet sein. Einfache Neste sind mit Gräsern oder anderen Nistmaterialien ausgepolstert, komplexere Nester bilden schützende Kuppeln.


Normalerweise werden die ersten Teile des Baues von trächtigen Weibchen angelegt. Sie buddeln einen Tunnel und eine Nestkammer. Später kommt ein zweiter Eingang dazu. Normalerweise wird eine zweite Kammer als Futterlager angelegt. Das Tunnelsystem wird häufig immer weiter ausgebaut (Calhoun 1963).


Neben ihren Wohnbauten legen Wanderratten zwischen den Futterquellen und ihren Wohnbauten Vorratskammern an (Steiniger 1950). Dort werden teilweise erhebliche Futtermengen gelagert. Abhängig davon, wie scheu die Ratten an dem betreffenden Standort sind (Schleif 2001).



Lebensweise und Verhalten

Ratten leben in Kolonien, welche eine Größe von mehreren hundert Tieren erreichen können. Für Weibchen und Männchen gibt es jeweils getrennte Sozialsysteme.

Weibliche Ratten wandern entweder sehr jung ab (Telle 1966) oder bleiben in ihrer Gruppe. Die Gruppen weiblicher Tiere umfassen bis zu 6 Ratten, welche meistens mütterlicherseits verwandt sind, einen gemeinsamen Bau teilen. Jede hat ihre eigene Nestkammer. Häufig kommt es zur gemeinsamen Aufzucht von Jungtieren (Calhoun 1963, Barnett 1975). In den Bauten der weiblichen Tiere können auch Böcke leben. Die Weibchen kommen oft gleichzeitig in die Brunst.


Das Verhalten der Böcke ist abhängig von der Populationsdichte. Bei geringer Dichte verhalten sich die männlichen Tiere territorial. Jedes Männchen hat sein eigenes, seperates Revier mit einem Bau und Weibchen, welches es gegen Eindringlinge verteidigt. Es paart sich nur mit seinen Weibchen (Barnett 1958).

Bei einer hohen Populationsdichte (1 - 5 Ratten/m²) leben mehrere männliche Tiere in einem Revier und bilden eine Rangordnung. Es gibt dominante und subdominante Tiere (Barnett 1958). Die Rangordnung wird normalerweise in der Pubertät ausgefochten und bleibt danach erhalten. Dominante Männchen sind häufig größer und langlebiger. Die Dominanzbeziehungen zwischen subdominanten Tieren sind verschwommen. Es paaren sich mehrere Männchen mit einem Weibchen. Zwischen den Böcken kommt es selten bis gar nicht zu Konkurrenzkämpfen (Moore 1999).

Dadurch, dass männliche Tiere, die größere Hoden haben und mehr Spermien produzieren mehr Nachwuchs produzieren, führen höhere Populationsdichten auf die Dauer zu Böcken mit größeren Hoden (Møller 1989).

Für die Weibchen ist die Fortpflanzung bei hoher Population sehr stressig. Die Abstände der Kopulationen mit Männchen betragen oft weniger als eine Minute (Matthews and Adler 1977, Moore 1999). Durch den Stress kommt es zur Reduktion des Populationswachstums und zu einem Limit der Population (Nowak 1991). Hat das Weibchen die Möglichkeit zu entkommen, versteckt es sich nach der Paarung und kehrt nach etwa 3 Minuten zu den Böcken zurück.


Dringen fremde Ratten in das Revier ein, werden sie angegriffen (Telle 1966). Diese Angriffe sind selten von Dauer, da der Eindringling schnell flüchtet. Am der Reviergrenze wird er nicht weiter verfolgt und wird ignoriert, solange er genug Abstand hält

In einer Kolonie auf einer Deponie in Quebec beobachteten Robitaille und Bovet (1976) Auseinandersetzungen zwischen Ratten. Die meisten Kämpfe enden mit einem Rückzug (88 %).

  • in 36 % der Fälle verfolgt der Sieger den Verlierer, wobei solche Verfolgungsjagden bis zu 20 m andauerten. 81 % dieser Verfolgungsjagden endeten wenn der Verlierer den Gewinner abhängen konnte. In anderen Fällen verlor der Gewinner den Verlierer aus den Augen, griff eine andere Ratte an oder der Verlierer konnte in einen Bau fliehen
  • in den Fällen, in denen der Verlierer nicht verfolgt wurde (64 %), stoppte er nach 2 - 3 m Flucht und verschwand in einem Versteck. Anzumerken ist, dass die Verfolgungen auffälliger sind als einfache Kämpfe, so dass die Anzahl der Kämpfe ohne Verfolgung auch höher sein kann

Bisse erfolgten mit 61 % hauptsächlich in den Rumpf, den Schwanz und die Analregion der Hinterbeine (24 %) und 15 % in Kopf und Schulter (Robitaille and Bovet 1976). Die meisten Kämpfe können zwischen Ratte der gleichen Größe beobachtet werden. Sehr junge und kleine Tiere mit weniger als 50 g, werden nach Robitaille and Bovet (1976) nicht attackiert. Auch Calhoun (1963) beobachtete, dass Ratten unter einem Alter von 50 Tagen nicht angegriffen werden. Bis zu einem Alter von 83 Tagen kann es zwar zu Angriffen kommen, aber zugebissen wird nicht.

Robitaille und Bovet (1976) beobachteten bei wilden Ratten keine seitliche Drohgesten. Auch freundliche Verhaltensweisen wie gegenseitige Fellpflege, Nasenberührungen oder Kraulen wurden nicht beobachtet.


Die Aktivitätszeit der Ratten liegt hauptsächlich in der Nacht und der Dämmerung. Die höchste Aktivität zeigen Ratten zwischen 60 und 90 Minuten nach Sonnenuntergang und 60 und 90 Minuten vor Sonnenaufgang (Calhoun 1963).



Ernährung

Wanderratten sind Allesfresser. Die aufgenommene Nahrung hängt stark von den Gegebenheiten ab und ist spezifisch für jede Kolonie (Fragaszy & Perry 2003). Was genau die Tiere fressen ist abhängig vom Angebot, den Vorlieben und dem Selektionsverhalten des einzelnen Tieres (Kleman & Pelz 2004).

Artikel: Nahrungswahl

Die Vorliebe für bestimmte Futtermittel ist teilweise angeboren und zum anderen Teil beruht sie auf bereits gemachten Erfahrungen. Ein Teil des Verhaltens ist sozial bedingt. So lernen die Tiere durch den Geschmack der Muttermilch und den Geruch des Speichels. Auch durch Vorbildfunktion und assoziatives lernen werden Traditionen innerhalb der Rattenkolonien weitergeben (Kleman & Pelz 2004).

Wanderratten sind fremdem Futter gegenüber sehr skeptisch, also neophob (Kleman & Pelz 2004).


Wie sehr die Nahrungsquellen und Vorlieben variieren können zeigen verschiedene Untersuchungen:

Ende der 1940er Jahre wurden 4000 Wanderratten in Deutschland untersucht. In 39 % der Mägen wurden Getreidesorten gefunden, in weiteren 34 % nur frische Pflanzenteile wie Früchte, Gemüse und Gräser. In 11 % befanden sich sowohl pflanzliche wie tierische Bestandteile, in 10 % ausschließlich Fleisch oder Fisch. Auch wurden bei verschiedenen Ködern eine Bevorzugung von kohlehydratreiche Köder wie Haferflocken gegenüber Ködern aus Gemüse, Fleisch oder Fisch festgestellt (Niethammer & Krapp 1978).

Schein und Holmes (1953) untersuchten die Futtergewohnheiten von Wanderratten und beobachteten eine Vorliebe für Beispielsweise Rührei, Makkaroni und Käse. Am wenigsten mochten die beobachteten Tiere Rüben, Pfirsiche und rohen Sellerie.

Steiniger beobachtete 1945 - 1947 Wanderratten auf Norderoog im Wattenmeer, vor der Westküste von Schleswig-Holstein, die hauptsächlich vom Vogelfang lebten und so auch besonders kalte Winter mit Schneedecken von über 50 cm überlebten. Außerdem beobachtete er, dass bei Ratten im Freiland abseits der menschlichen Siedlungen der Feldmausfang in mäusereichen Jahren eine wichtige Rolle spielt (Steiniger).

In West Virginia wurden Wanderratten beobachtet die in einer Brutanstalt Junglachse fingen (Cottam et al. 1984). In Italien am Po tauchen Wanderratten nach Mollusken (Gandolfi & Parisi 1972).




Literatur

Barnett, S. A. (1958): An analysis of social behaviour in wild rats. Proc. Zool. Soc. Lond. 130: 107-152

Barnett, S. A. (1975): The Rat: A Study in Behavior. Chicago: University of Chicago Press

Becker K.: Rattus norvegicus (Berkenhout, 1769) - Wanderratte. In: J. Niethammer und F. Krapp: Handbuch der Säugetiere Europas. Band 1, Rodentia I. Akademische Verlagsgesellschaft, Wiesbaden 1978: S. 401

Calhoun, J. B. 1963. The ecology and sociology of the Norway rat. U.S. Public Health Service Publication No. 1008. Washington, D.C.

Cottam C., Stickel W. H., Stickel L. F., Colema, R. H., Mickey A. B., Schellbach L., Schorger A. W., Negus N. C. et al. (1948): Aquatic habits of the Norway ra". Journal of Mammalogy 29 (3): 299. JSTOR 1375396.

David E. Davis, John T. Emlen, Jr. and Allen W. Stokes (1948): Studies on Home Range in the Brown Rat; Journal of Mammalogy; Vol. 29, No. 3 (Aug., 1948), pp. 207-225

Fragaszy D. M., Perry S. (2003). The Biology of Traditions: Models and Evidence. Cambridge University Press. p. 165. ISBN 0-521-81597-5

Freye, H.A., Thenius, E. (1968): Die Nagetiere. Grzimeks Tierleben. (B. Grzimek, ed.) Volume 11. Kindler, Zurich. pp. 204–211.

Gandolfi G., Parisi V. (1972): Predazione su Unio Pictorum L. da parte del ratto, Rattus norvegicus (Berkenhout). Acta Naturalia 8: 1–27

Kleman N., Pelz H. (2004): Studies on food selection behaviour of the Norway rat (Rattus norvegicus) on farms

Mitchell-Jones, Amori, Bogdanowicz, Krystufek, Reijnders, pitzenberger,Stubbe, J. B. M. Thissen, V. Vohralik, J. Zima: The Atlas of European Mammals. Poyser, London, 1999: S. 278-279. ISBN 0-85661-130-1

Møller, A. P. (1989): Ejaculate quality, testes size, and sperm production in mammals. Funct. Ecol. 3

Moore, J. (1999): Population density, social pathology, and behavioral ecology. Primates. 40: 5-26

Niethammer J., Krapp F.: Handbuch der Säugetiere Europas. Band 1, Rodentia I. Akademische Verlagsgesellschaft, Wiesbaden 1978: S. 401

Nowak (1991): Rodentia; Muridae; Genus Rattus. Rats. In: Walker's Mammals of the World. Volume II. Fifth Edition. Johns Hopkins University Press. Baltimore and London

Schleif O. (2001): Ein Beitrag zur tiergerechten Haltung der Ratte anhand der Literatur, Dissertation, Tierärztliche Hochschule Hannover

Pisano und Storer (1948) - Burrows and Feeding of the Norway Rat; Journal of Mammalogy, Vol. 29, No. 4 (Dec., 1948), pp. 374-383

Robitaille JA, and J. Bovet (1976): Field observations on the social behavior of the Norway rat, Rattus norvegicus (Berkenhout). Biology of Behavior. 1: 289-308

Schein M. W., Holmes O. (1953). "A Preliminary Analysis of Garbage as Food for the Norway Rat". Am. J. Trop. Med. Hyg. 2 (6): 1117–30. PMID 13104820. Retrieved 2007-04-04

Steiniger F. (1950): Wanderratten im Freiland

Telle H. J. (1966): Beitrag zur Kenntnis der Verhaltensweise von Ratten vergleichend dargestellt bei, Rattus norvegicus und Rattus rattus. Zeitschrift für angewandte Zoologie. 53: 129-196

Wilson D. E. und D. M. Reeder: Mammal Species of the World. Johns Hopkins University Press, 2005: Rattus norvegicus. ISBN 0-8018-8221-4